# 3 – Folgeschwangerschaft Teil 2:
Umgang mit der Angst. Was wir von unserem Nervensystem lernen können.

Ängste in einer Schwangerschaft sind ganz normal. Wenn Du einmal ein Kind verloren hast, dann ist es umso verständlicher, dass Ängste und Sorgen Deine Schwangerschaft begleiten. Nach einem Verlust wird eigentlich erst einmal nichts mehr im Leben als wirklich „normal“ erlebt, da ist eine neue Schwangerschaft also auch keine Ausnahme. „Was ist, wenn…?“  Wahrscheinlich fallen Dir sofort viele Fragen ein, die diesen Satzanfang ergänzen könnten. Die meisten Frauen erleben eine neue Schwangerschaft als besondere Herausforderung. Die Wege im Umgang damit sind so verschieden wie die Trauerwege nach Deinem Verlust.

Die Angst hat eine Funktion und ist ein ganz natürliches Gefühl. Sie zeigt sich, wenn wir etwas ganz Wichtiges auf gar keinen Fall verlieren wollen und macht uns besonders achtsam dafür.

Wenn wir aus biologischer Sicht auf unser Nervensystem und seine Funktionen schauen, werden viele unserer Reaktionen und Verhaltensweisen im Umgang mit anderen und uns selbst total nachvollziehbar. Alle Erfahrungen, die Du in Deinem Leben gemacht hast – ob angenehm oder unangenehm – sind in Deinem Körper gespeichert und werden (schneller als Du denken kannst) von Deinem autonomen Nervensystem sortiert und eingeordnet. Autonom bedeutet unabhängig oder eigenständig. Der Körper hat also ein eigenständiges Gedächtnis, das so genannte Körpergedächtnis, und reagiert auf äußere oder innere Reize mit einer Körperempfindung. Diese kann angenehm oder auch sehr, sehr unangenehm sein.

Kennst Du das? Du hörst im Radio ein mega Smash-Hit aus Deiner Kindheit und bekommst sofort ein warmes Gefühl im Bauch oder im Brustbereich?

Deine Beine beginnen sofort zu zappeln, Du wippst mit dem Kopf, lächelst, singst den Song mit. Yay! Du erinnerst Dich, wie Du dazu mal früher getanzt hast. Das ist ein richtiger Gutelaune-Moment. Oder Du riechst den Duft von Kuchen im Ofen, atmest sofort tief ein, Dein Kopf wird leicht und Du hast für einen Moment ein ganz wohliges, vielleicht auch heimeliges Gefühl im ganzen Körper? Mmmmh.
Bei beiden Beispielen wird der Reiz (Kuchenduft, Melodie) von Deinem Nervensystem als gefahrlos und angenehm eingestuft und löst ein Wohlbefinden in Deinem Körper aus. Das emotionale Gehirn, die Amygdala in Deinem limbischen System, macht einen Haken hinter den Punkt Sicherheit. Schön ist das.

Nicht so schön ist es, wenn wir Gerüche, Bilder oder Geräusche wahrnehmen, die sofort und unmissverständlich eine unangenehme Körperempfindung und ein ganz unangenehmes Gefühl in uns auslösen.

Im Fall von Frauen in einer Folgeschwangerschaft können das zum Beispiel der Geruch von Krankenhaus, der Bildschirm oder der Raum beim Ultraschall oder CTG sein. Der Körper zeigt Stresssymtome: Ein beengendes Gefühl im Hals, in der Brust. Flacher Atem. Schweißbildung. Erhöhter Puls, der Adrenalinspiegel steigt. Und das im Bruchteil einer Sekunde, ohne dass wir konkret darüber nachdenken konnten. Hierfür ist wieder unser autonomes Nervensystem verantwortlich. Wir können (erst einmal) gar nichts für diese Empfindungen. Sie entzieht sich unserer Kontrolle. Autonom eben.

Unser Gehirn hat, ganz vereinfacht gesagt, die Aufgabe unser Überleben zu sichern. Und es stuft Situationen in „ungefährlich“ und „gefährlich“ sowie „lebensgefährlich“ ein.

Dein Nervensystem und das aller Menschen reagiert mit drei Überlebensreaktionen auf Gefahren:
Reaktion 1: Du kannst Dich mit der Situation anfreunden und auf Menschen zugehen, Dir Hilfe suchen. Das kannst Du nur, wenn Dein Gehirn die aktuelle Situation als relativ gefahrlos einstuft und Du Dich einigermaßen sicher fühlst.
Reaktion 2: Weglaufen oder angreifen. Dein Nervensystem signalisiert „Gefahr! Jetzt schnell!“ und löst im Körper alle Funktionen aus, die Du zum Weglaufen oder angreifen benötigst. In diesem Moment bist Du nur auf die Gefahrenquelle fokussiert und nimmst alles andere um Dich herum nicht mehr wirklich wahr. Wenn wir auf einem hohen Stressniveau unterwegs sind oder es uns nicht gut geht, können wir das sehr schön beobachten.
Reaktion 3: Sich totstellen. Dies ist der älteste Mechanismus im ältesten Teil unseres Stammhirns. Das Nervensystem signalisiert: „Absolute Lebensgefahr!“ Im Kleinen kennst Du das vielleicht, wenn Du Dich in einer Gruppe von der Lautstärke oder den Themen überfordert fühlst und mit Deinen Gedanken abdriftest und das Geschehen eher von außen wahrnimmst. Du fühlst Dich für einen Moment lang nicht mehr Teil der Gruppe. Etwas heftiger kann die Reaktion ausfallen, wenn Du von einer Situation überwältigt wurdest und Dich auf einmal ganz hilflos fühlst. Für viele Sterneneltern sind das die Momente, in denen sie keine Herztöne mehr finden konnten oder im Zuge der Geburt schlimme Erfahrungen machen mussten. In der Psychologie spricht man dann von Dissoziation. Man sieht sich selbst und die anderen „von oben“, als wäre man selbst nicht mehr Teil der Situation. In diesen Momenten ist das Nervensystem überfordert und der Körper kann sogar mit einer Ohnmacht reagieren. Im Modus „Lebensgefahr“ bist Du handlungsunfähig und es fühlt sich oft ganz schrecklich hilflos an.

Das Nervensystem funktioniert bei allen Menschen gleich. Die Überlebensreaktionen zu kennen ist hilfreich. Wenn Du Angst hast, reagiert Dein Nervensystem entsprechend. Wann wir welche Überlebensreaktion zeigen und wie ausgeprägt diese sind, ist jedoch ganz unterschiedlich.

Das hat damit zu tun, dass wir Menschen über unterschiedliche Wahrnehmungen einer einzigen Situation verfügen und dass wir alle andere Biographien mit unterschiedlichen Einstellungen, Persönlichkeitsmerkmalen, Glaubenssätzen etc. haben. Deswegen stuft die eine Frau eine Situation als harmlos ein, während eine andere die gleiche Situation als total beängstigend schildert.

Du bist also kein „schwacher“ Mensch, wenn Du Angst hast oder Dich vor bestimmten Szenarien fürchtest. Dein autonomes Nervensystem reagiert aufgrund Deiner Erfahrungen, die Dein Leben geprägt haben. Dafür kannst Du erst einmal nichts. Eine bewusste Wahrnehmung Deines Körpers und Deiner Empfindungen helfen Dir, wieder handlungsfähig zu werden und gegenzusteuern.

Das, was Du erst einmal für Dich tun kannst – und das ist sozusagen eine wichtige Basis: nimm Deinen Körper bewusst wahr. Achtsamkeitsübungen helfen, im Hier und Jetzt zu sein und einfach nur wahrzunehmen, wie es Dir gerade geht. Wie fühlt sich Dein Körper an, wenn eine Situation für Dich angenehm oder unangenehm ist? Versuche bewusst Unterschiede zu erkennen und Dein Körperbewusstsein zu schulen. Das hilft Dir insbesondere auch dabei, Deine neue Schwangerschaft und alles, was damit zu tun hat, von der Schwangerschaft mit Deinem Sternenkind zu unterscheiden. Deine Angst hat eine wichtige Funktion. Sie ist sinnvoll, wenngleich sie auch nervig sein kann. Du kannst nicht verändern, was in der Vergangenheit passiert ist. Aber Du kannst damit zukünftig arbeiten, wenn Du Deine Haltung zum Thema Angst veränderst. Es gibt Techniken, die Du gezielt einsetzen kannst, um Deine Aufmerksamkeit anders zu fokussieren. Weg vom Unangenehmen, hin zum Angenehmen oder Neutralen. Das lernst Du unter anderem in meinen Workshops und ja, darüber sollte ich auch mal einen Blogartikel schreiben.

Über Ängste und Fragen zu sprechen, sich mit anderen Frauen auszutauschen, Kenntnisse über Stressreaktionen zu gewinnen, all das kann Dir in dieser besonderen Zeit helfen und Dein Vertrauen stärken. Auch konkrete Informationen von Ärzten und Hebammen einzuholen gibt Dir Sicherheit.

Stelle alle Fragen, die Dir in den Sinn kommen. Suche Dir Ärzte und Hebammen, die auf Deiner Wellenlänge sind und die Deinen Weg mitgehen, ohne dass Du Dich groß rechtfertigen musst. Bei denen Du unkompliziert eine weitere Kontrolle machen lassen kannst, wenn Dir danach ist. Kompetente und empathische Wegbegleiter an seiner Seite zu haben, reduziert schon einmal immens Deinen Stresspegel. Vergiss nicht, dass die Angst nur ein Teil von Dir ist. Es gibt auch noch die vielen, hoffnungsstiftenden und angenehmen Momente, die Vorfreude und die schönen Erinnerungen, die eine Verbindung zu Dir, Deinem verstorbenen Kind und zu Deinem Regenbogenbaby schaffen. Darauf darfst Du auch Deine Aufmerksamkeit richten. Und es gibt ja auch ein wunderbares Ziel, nämlich, ein lebendiges Kind in den Armen zu halten. Behalte diese Vision immer im Auge. Dieses Wesen in Dir wird seinen ganz eigenen Weg gehen, darauf darfst Du vertrauen.

Du schaffst das!
Deine Tamara

Mentoringprogramm
Du hast bereits ein Regenbogenkind geboren und möchtest anderen Frauen in der Folgeschwangerschaft helfen und mit Fragen zur Seite stehen?
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Dann melde Dich bei mir zum Mentoringprogramm an: tamara@tamara-gailberger.de

Regenbogenbaby-Kurse
In einer Gruppe an Techniken zur Stressbewältigung arbeiten, Kraftquellen anzapfen, sich austauschen. Die Kurse finden regelmäßig statt. Schreibe mir eine Email, wenn Du dabei sein möchtest.

Photo by Josh Riemer on Unsplash

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