Einen Regenbogen bekommen wir nur zu Gesicht, wenn die Sonne scheint und es gleichzeitig regnet. Doch dies allein reicht nicht, dass wir dieses farbenprächtige Lichtspiel mit unseren Augen sehen können: die Sonne muss in einem bestimmten Winkel zur Regenfront stehen, damit ihr Licht die verschiedenen Stellen der Regentropfen berühren und dann gebündelt zurückwerfen kann. Dann sieht unser Auge die vielen, schönen Farben, den wir als bunten Bogen wahrnehmen. In dieser Blogreihe zum Thema Folgeschwangerschaft nach einem Verlust werde ich Fragen thematisieren, die mir immer wieder in meiner Arbeit begegnen. Was ist überhaupt ein Regenbogenbaby?

Ein Baby, was nach einer Fehl- oder stillen Geburt lebend zur Welt kommt, nennt man Regenbogenbaby.

Wenn ich nach dem Ausdruck Regenbogenbaby recherchiere, lese ich, dass ein Regenbogenbaby „die Hoffnung nach dem Sturm“ ist (hallo-eltern.de) oder dass das Sinnbild des wunderschönen Regenbogens Hoffnung gäbe, dass „sich die Dinge zum Positiven wenden“ (urbandictionary.com). Der Ausdruck des Regenbogenbabys soll Eltern Mut machen, die Hoffnung auf ein Baby nicht zu verlieren. (familie.de). Andere trauernde Eltern assoziieren mit dem Regenbogen eine Verbindung zwischen Himmel und Erde. Der Regenbogen steht dabei für die immer währende Verbindung zwischen ihnen und ihrem verstorbenen Kind, ganz unabhängig davon, wann ihr Kind verstorben ist. Symbole schaffen eine Verbindung zwischen uns Menschen. Wir erkennen einander an einem Bild, einem Sinnbild, ohne dass wir viel reden müssen. Die Interpretation und Auslegung dessen ist allerdings individuell anders. Ich für meinen Teil verbinde mit einem Regenbogen nach wie vor meine verstorbene Tochter und die Hoffnung, dass es im Leben immer weiter geht.

Hoffnung nach dem Sturm. Mut zur Hoffnung, dass sich die Dinge zum Positiven wenden. Reicht das? Steht der Regenbogen nicht auch für den Mut zur Betrachtung aller Farben der Trauer, aller Farben des Lebens, wenn sich ein Folgebaby ankündigt?

Für mich stehen die bunten Farben des Regenbogens für die vielen Facetten einer Folgeschwangerschaft. Sie sind die der Trauer verbunden und ähnlich, weil Trauer auch nicht einfach mit einer neuen Schwangerschaft oder der Geburt eines neuen Babys aufhört. Ein Vorurteil, mit denen trauernde Eltern in einer Folgeschwangerschaft häufig konfrontiert sind. Sie hören Sätze wie: „Jetzt wird doch alles gut, du bist ja wieder schwanger.“ „Jetzt kannst du ja nach vorne schauen.“ „Diesmal wird ganz bestimmt nichts schief gehen.“ Gut gemeinte Sätze, ja. Wäre das alles nicht passiert…

Das Gedicht „Farben der Trauer“ von Andrea Böttler beschreibt die Vielfalt der Gefühle und Gedanken nach einem Verlust. Mit dem Ausdruck Regenbogenbaby assoziiere ich genau dieses bunte Kaleidoskop, was auch in einer Folgeschwangerschaft Thema ist.

„Meine Trauer ist rot
für die Unruhe in mir.

Meine Trauer ist blau
für die Einsamkeit, die Leere
und alle ungestillten Sehnsüchte.

Meine Trauer ist schwarz
für die Verzweiflung und den Abgrund in meiner Seele.

Meine Trauer ist braun
für das Ringen um Boden unter meinen Füßen.

Meine Trauer ist gelb
für alle Schätze, die mir dennoch zuteil werden,
für das Licht, das immer wieder für mich scheint
und für die Menschen, die die Sonne zu mir bringen.

Meine Trauer ist grün
für die Hoffnung, die Zuversicht
und das Wissen darum, dass es immer weiter geht.

Meine Trauer ist weiß
für alle Schutzengel, die mich an der Hand halten,
mich trösten und Balsam meiner Seele sind
und für die Kraft,
die mich durch diese Zeit trägt,
ohne dass ich ihren Ursprung kenne.

Meine Trauer ist bunt wie ein Kaleidoskop
für alle Gefühle in mir,
die sein wollen und sein dürfen.
Ich lasse sie zu und halte sie aus,
gebe ihnen Raum zum Leben und zur Verwandlung.“

Wie kann es gelingen, Trauer und Vorfreude auf einen Nenner zu bringen? Darf ich mich überhaupt auf ein neues Baby freuen?

Du hast ein Kind verloren und die Erfahrung gemacht, dass Leid und Schmerz sowie Freude und Hoffnung so eng beieinander liegen. Ich erlebe das auch in den Trauergruppen, in denen geweint, aber auch gelacht wird. Manchmal sogar beides gleichzeitig. Je mehr Du Dir über die Vielfalt Deiner Gefühle, Gedanken und Sorgen in der Trauer um Dein Sternenkind sowie in der Folgeschwangerschaft bewusst wirst, desto stärker wirst Du Deine Gefühle auch unterscheiden lernen und voneinander trennen können. Die Erkenntnis, dass Schmerz und Liebe jeweils eine Seite der Medaille sind, hilft auch in einer Folgeschwangerschaft. Ich glaube, der unglaubliche Druck und Stress entfaltet sich erst richtig, wenn wir Gefühle versuchen zu unterdrücken und beängstigende Fragen nicht wagen auszusprechen. Und ich mache auch die Erfahrung, dass Frauen besonders unter Druck stehen, wenn sie versuchen keine Bindung zu ihrem Baby aufzubauen vor lauter Angst, dass es wieder sterben könne und der Schmerz dann noch größer wäre. Dabei vergessen sie, dass Schuldgefühle mächtig sein können. Dein Baby in Dir hat es genauso wie Dein Sternenkind verdient, sich angenommen und bedingungslos geliebt zu fühlen. Selbst wenn Du auch diese Seele wieder verlieren solltest, hast Du an Dein Baby geglaubt, es mit guten und liebevollen Gedanken bedacht, Deinen Bauch gestreichelt, vielleicht gesungen und getanzt und auch dieser Seele einen Namen gegeben. Ja, Du darfst Dir die Erlaubnis geben, Dich darauf zu freuen und es willkommen zu heißen. Du darfst Dir auch seine und Deine Zukunft in den buntesten Farben ausmalen, trotz allem, was an Schwere auch noch da ist.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, wieder schwanger zu werden? Gibt es den überhaupt?

Jeder Mensch trauert etwas anders und hat im Trauerprozess sein eigenes Tempo. Wenn aus medizinischer Sicht nichts gegen eine neue Schwangerschaft spricht – und das solltest Du immer von ärztlicher Seite abklären lassen – dann widme Dich den Fragen, die Deine Seele angehen. Nur Du kannst sie beantworten, vielleicht auch mit Hilfe einer psychologischen Begleitung: Dein Baby ist gestorben und das ist unfassbar traurig. Wie ist es mit Deinem Wunsch eine Familie zu gründen? Ein lebendiges Kind in Deinen Armen zu halten? Mutter eines lebendigen Kindes zu sein? Bist Du bereit, Dich wieder auf ein neues Leben einzulassen? Wenn Du diese grundsätzlichen Fragen mit einem „Ja, das möchte ich nach wie vor gerne“ beantwortet hast, kann ich Dir sagen – und ich weiß, Du formulierst jetzt schon das ganz große ABER 🙂 – für Deine anderen Fragen gibt es Unterstützung, psychologische Begleitung, Wegbegleiter zum Austauschen, Techniken, Methoden und es gibt die wichtigste Person in diesem Prozess, auf die Du Dich verlassen kannst: Es gibt DICH und Deinen Körper. Ihr musstet schon vieles durchmachen und werdet auch eine neue Schwangerschaft mit ihren Höhen und Tiefen meistern. Du darfst Dir und Deinem Körper vertrauen. Und wenn Dir das noch schwerfällt, kannst Du das lernen. Es gibt den „richtigen“ geplanten Zeitpunkt in meinen Augen nicht immer. Wozu kannst Du „Ja!“ sagen? Je mehr Du lernst, Dich und Deinen Körper wieder wahrzunehmen, desto leichter wird Dir diese Frage fallen. Helfen können Dir dabei zum Beispiel Körperwahrnehmungsübungen, Yoga, Meditation oder Bewegung. Die Antwort liegt in Dir.

Muss ich eine bestimmte Zeit getrauert haben, um wieder schwanger sein (zu dürfen)?

Früher gab es das „Trauerjahr“. Eine Zeit, in der die Frauen schwarze Kleidung trugen, manchmal mit einer Trauerperle im Ohr, nicht an Festen teilnahmen und damit äußerlich zum Ausdruck brachten, dass sie in Trauer sind. „Meine Trauer ist schwarz, für die Verzweiflung und den Abgrund in meiner Seele.“ Ich glaube, dass dieses erste Jahr nach wie vor für viele Trauernde eine Bedeutung hat und sich sowohl Ärzte als auch Psychologen gerne an dieser Leitlinie orientieren. Die Realität sieht für mich anders aus. Ich habe Frauen kennengelernt, die schon nach wenigen Wochen nach dem Verlust wieder schwanger geworden sind. Sie suchen Unterstützung durch Trauerbegleitung und psychotherapeutische Gespräche sowie durch eine erfahrene Hebamme. Es gibt Frauen, die sich erst einmal Zeit für die Verarbeitung ihres Verlustes nehmen möchten und es langsamer mit einer neuen Schwangerschaft angehen wollen. Andere warten auf ein medizinisches „Go“ nach Kaiserschnitt oder anderen Eingriffen. Die gute Balance zwischen Trauer und Vorfreude ist eine Herausforderung. Sie gelingt manchmal mehr und manchmal weniger und wird von den Mütter oft als „Achterbahnfahrt der Gefühle“ beschrieben. Wissenschaftlich wurde es noch nicht untersucht, wie sich „gelungene“ Trauerarbeit auf das Wohlbefinden und die seelische Gesundheit in einer neuen Schwangerschaft und danach auswirkt. Wir können also gar nicht sagen, ob es „besser“ oder „schlechter“ ist nach XX Wochen, Monaten oder nach einem Jahr wieder schwanger zu werden. Es sollte Dir bei der Beantwortung der Frage, in erster Linie um DEINE seelische und körperliche Gesundheit gehen. Wenn Du Dich gesund und stabil fühlst, dann „let it flow“. Dein verstorbenes Kind wird immer fehlen. Diese traurige Gewissheit ist aber kein Grund, dem Leben nicht „JA!“ sagen zu dürfen. Und eine neue Schwangerschaft ist ein „Ja“ zu Dir selbst, zum Leben – trotz allem.

Im zweiten Teil rund um die Folgeschwangerschaft geht es um das Thema Angst und was wir von unserem Nervensystem lernen können. Viel Spaß beim Lesen.

Deine Tamara

Angebote für Frauen in einer Folgeschwangerschaft

Austausch und Vernetzung im Mentoring
Suche Dir andere Frauen und Familien, die ein Folgewunder bekommen haben und tausche Dich über Sorgen, Bedenken und Ängste aus. Frage die Frauen, wie sie diese Zeit überstanden haben und was ihnen geholfen hat. Kontakte findest Du z. B. in den sozialen Medien (facebook, instagram #regenbogenbaby) oder schreibe mir gerne eine Mail und ich vermittele Dir eine Mentorin für Deine Schwangerschaft, die Dir für Fragen und einen Austausch zur Verfügung steht. Du möchtest selbst Mentorin werden und anderen Frauen helfen? Melde Dich gerne bei mir: tamara@tamara-gailberger.de

Workshop für Frauen in der Folgeschwangerschaft
Sei dabei, wenn wir in die nächste Runde „Mein Regenbogenbaby“ starten. Lerne Strategien, wie Du Dich beruhigen kannst. Lerne Wissenswertes über Dein Nervensystem und Stressbewältigung und tausche Dich mit anderen Frauen aus. Hier kannst Du mehr über den Workshop lesen und Dich anmelden.

Photo by Steve Johnson on Unsplash

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